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Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVaG)

Ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVaG) ist eine der rechtlich zulässigen Rechtsformen für einen Versicherer. Die Versicherungsnehmer sind Mitglieder und Träger des Vereins. In Ausnahmefällen können VVaG auch einzelne Verträge abschließen, deren Versicherungsnehmer nicht Mitglieder werden (Nichtmitgliederversicherung).

Einführung

Der VVaG ist eine besondere Rechtsform für Versicherer. Für die besondere, nur für Versicherer zulässige Rechtsform des VVaG gibt es kein eigenes Gesetz. Er unterfällt den Regelungen über den Verein im BGB (§§ 21 ff.). Es handelt sich nicht um eine Unternehmensrechtsform. Die speziellen rechtlichen Rahmenbedingungen für den VVaG sind im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG), §§ 15–53b geregelt. Dem VVaG nicht unähnlich ist die Rechtsform einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, die allerdings nur selten bei Versicherern vorkommt. Hier sind die Versicherungsnehmer Mitglieder, die Gründung beruht allerdings auf einem Hoheitsakt. Die Rechtsform der Anstalt des öffentlichen Rechts kennt zwar auch keine gewinnberechtigten Eigentümer, sondern nur Träger, dient aber nicht ausschließlich den Belangen der Versicherungsnehmer, sondern meist auch allgemeinen öffentlichen Interessen, z. B. an der Entwicklung des Versicherungswesens.

Der VVaG ist getragen von den Bedürfnissen seiner Mitglieder. Das sichert ihm Marktnähe und Innovationskraft. Ähnlich dem Entscheidungsgremium der Hauptversammlung für die Aktionäre einer Aktiengesellschaft hat der Versicherungsverein für seine Mitglieder als oberstes Organ die Mitgliedervertreterversammlung, teilweise auch Hauptversammlung genannt. Allerdings können die Mitglieder heute nur noch in wenigen VVaG die Zusammensetzung der Mitgliedervertreterversammlung selbst bestimmen.

Bei den VVaG gibt es vereinfachte Vorschriften für kleinere Vereine, die nur einen sachlich, örtlich oder dem Personenkreis nach begrenzten Wirkungskreis haben (§ 53 VAG). Kleinere Vereine sind z. T. sehr bodenständige, lokale Versicherer, die von kleinen Gruppen von Versicherungsnehmern zum direkten gegenseitigen Nutzen betrieben werden.

Historie

VVaG sind die Urform der modernen Versicherer. Die Idee des VVaG als Rechtsform geht auf James Dodson (1710-1757) zurück, der die erste altersabhängige Beitragstabelle für Lebensversicherungsverträge berechnete. Auf seine Initiative hin wurde 1762 der erste professionelle, auf mathematischer Basis arbeitende Lebensversicherer der Welt gegründet, zugleich auch der erste VVaG, die Society for Equitable Assurances on Lives and Survivorships. Der erste VVaG in Deutschland geht auf den Kaufmann Ernst-Wilhelm Arnoldi zurück. Als Arnoldi im Jahre 1820 in Gotha die "Feuerversicherungsbank des Deutschen Handelsstandes" ins Leben rief, verwirklichte er damit die Idee der gegenseitigen Hilfe: Alle tragen gemeinsam die Last des Einzelnen. Das Besondere: Die Versicherungsnehmer sind gleichzeitig Eigentümer des Unternehmens. Ähnlich wie bei genossenschaftlichen Banken existieren keine ausschließlich Kapital gebenden Eigentümer, weshalb eine kontinuierliche und von Kapitalgebern unabhängige Geschäftspolitik im Interesse der Mitglieder garantiert ist. Notwendige unternehmerische Entscheidungen können schnell getroffen und umgesetzt werden.

Seit einer Reihe von Jahren werden weltweit, etwas verzögert auch in Deutschland, immer mehr VVaG in Aktiengesellschaften umgewandelt (Demutualisierung). Hierbei ist es immer wieder zu Unstimmigkeiten über die den bisherigen Eigentümern, den Versicherungsnehmern zu zahlende Entschädigung gekommen. Das Bundesverfassungsgericht hat 2005 hierzu in einem Urteil Änderungen der gesetzlichen Vorschriften vorgeschrieben (26. Juli 2005, 1 BVR 782/94 und 1 BVR 957/96), aber keine Änderung der bisher erfolgten Vorgänge verlangt.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die VVaG stellen durch ihre Marktpräsenz einen wesentlichen ordnungspolitischen Faktor im Wettbewerb dar. Bezogen auf den Versicherungsmarkt Deutschland wurden 1999 rd. 127 Mrd. Euro Beiträge von den Versicherern eingenommen. Die Beiträge verteilen sich auf die Lebensversicherung mit 59 Mrd. Euro, auf die Krankenversicherung mit 20 Mrd. Euro und auf die Sachversicherung mit 48 Mrd. Euro. Dieses Beitragsvolumen verteilt sich auf die Versicherer nach Rechtsform so, dass 58 % von den Aktiengesellschaften erzielt werden, 11 % von den öffentlich-rechtlichen Versicherungsunternehmen und 29 % von den VVaG einschließlich ihrer Töchter. Der Marktanteil der VVaG verteilt sich auf ca. 300 VVaG, 220 kleinere Vereine und 80 "große" Vereine.

In der Sparte Schaden/Unfall beträgt der Marktanteil 28 %, in der Sparte Leben 23 % und in der Krankenversicherung sind die VVaG mit 52 % Marktanteil den Aktiengesellschaften sogar eindeutig voraus. In der Sparte Schaden/Unfall verbuchten die VVaG einen über dem Durchschnitt liegenden Beitragszuwachs von 0,6 %, in den Bereichen Leben gar 9,4 % und in der Sparte Kranken 3,0%. Die durchschnittliche Verzinsung der Kapitalanlage 1999 von über 179 Mrd. Euro betrug 7,4 %. Die VVaG in Deutschland haben 1999 mehr als 72.000 Arbeitnehmer beschäftigt.

Die Marktbedeutung der VVaG äußert sich auch in ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Wirtschaftlicher Erfolg lässt sich in Kennzahlen messen. VVaG haben im Vergleich zu Aktiengesellschaften höhere Zuwachsraten bei den Versicherungsverträgen, sind in Sparten mit niedrigerem Risiko tätig, weisen geringere Kostensätze aus und erwirtschaften mehr Gewinn. Die Bilanzen der VVaG, gemessen an der Bilanzsumme, haben höhere Zuwachsraten, weisen nach einer Studie aus dem Jahr 1997 (Farny, Köln) im Fall von Schaden- und Unfallversicherern mehr sichtbares Eigenkapital aus, beinhalten mehr stille Reserven und bedecken im Übrigen mehr Solvabilität. VVaG verwenden ihren Bruttoüberschuss vor Steuern mit 28 % für das Eigenkapital, während Aktiengesellschaften hierfür nur 10 % verwenden.

Vor- und Nachteile der Rechtsformen

Der wirtschaftliche Erfolg der VVaG bedeutet eine der wesentlichen Stärken seiner Rechtsform und begründet seine außerordentliche Bedeutung für den Versicherungsmarkt.

Da ein VVaG keine fremden Eigentümer hat, die Ansprüche auf den erzielten Gewinn haben, verbleiben erwirtschaftete Überschüsse im Unternehmen oder kommen den Versicherungsnehmern als Vereinsmitgliedern zugute. Andererseits kann ein VVaG nicht ohne weiteres Kapital auf dem Kapitalmarkt aufnehmen, sondern muss die genötigten Sicherheitsmittel aus seinen Gewinnen selbst erwirtschaften. Dies schränkt wiederum seine Möglichkeiten, Gewinne zugunsten der Versicherungsnehmer zu verwenden ein. Zudem kann ein VVaG im Rahmen dieser Beschränkung sein Geschäft nicht ohne weiteres ausdehnen, da er die für zusätzliches Geschäft benötigten Sicherheitsmittel erst aus dem bestehenden Geschäft bilden muss.

Im internationalen Wettbewerb erweist sich die Rechtsform des VVaG jedoch immer mehr als Hemmschuh, weshalb entsprechend ambitionierte VVaG Umwandlungen (Demutualisierung) oder Holdingstrukturen anstreben.

VVaG müssen die zur Absicherung von Schwankungen des Versicherungsverlaufs benötigten Sicherheitsmittel selbst systematisch erwirtschaften, während Aktiengesellschaften diese bei Bedarf kurzfristig auf den Kapitalmärkten aufnehmen können. VVaG halten daher regelmäßig besonders hohe Sicherheitsmittel vor, die sie systematisch aufbauen; nur hierfür nicht benötigte Beträge können zugunsten der Versicherungsnehmer verwendet werden. Der Aufbau der Sicherheitsmittel des VVaG muss mit dem Wachstum des Geschäfts Schritt halten; insofern unterliegt der VVaG Wachstumsschranken. VVaG weisen daher in der Sparte Schaden/Unfall im Durchschnitt erheblich über dem Soll liegende Solvabilität auf, so dass eine Vielzahl von VVaG einen Deckungsgrad der Ist-Solvabilität zwischen 250 und 450 % aufweisen. In der Lebensversicherung liegt der Schnitt zwischen 150 und 200 % und in der Sparte Kranken zwischen 200 und 300 %. Andererseits haben VVaG für diese hohen Reserven aber keine Finanzierungskosten, wie sie von Aktiengesellschaften für auf dem Kapitalmarkt aufgenommene Beträge in erheblichen Umfang in Form von Dividenden zu leisten sind. Daher halten VVaG soviel Reserven wie sinnvoll, Aktiengesellschaften so wenig Reserven wie vertretbar. Soweit der VVaG gleichmäßig wächst und keine größeren Schwankungen im Versicherungsergebnis hat, kann er daher Versicherungsschutz günstiger anbieten als Aktiengesellschaften. Hingegen kann hohes Wachstum, größere Diversifikation und der Ausgleich von starken Schwankungen besser von Aktiengesellschaften geleistet werden.

VVaG führem also in größerem Umfang als Aktiengesellschaften entstandene Gewinne dem Eigenkapital zu, dafür aber keine Dividenden an Aktionäre. Zusätzlich bieten sich für VVaG als Alternative zur Kapitalbeschaffung börsennotierte Genussrechte an. Eine weitere Möglichkeit, den Kapitalmarkt zu nutzen, besteht durch die Schaffung von Tochterunternehmen in Form von Aktiengesellschaften und die Bündelung von Aktivitäten in Zwischenholdings. Dies bietet bei ausreichendem Volumen sogar die Möglichkeit eines Börsengangs.

Arbeitsgemeinschaft der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit

Alle deutschen Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit sind in der „Arbeitsgemeinschaft der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit e. V. (ARGE)“ organisiert. Die ARGE hat ihren Sitz in Köln. Als wesentliche Ziele der ARGE sind die Vorteile des VVaG-Gedanken stärker in die öffentliche Diskussion einzubringen und die Nachteile der VVaGs gegenüber anderen Rechtsformen abzubauen.

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenzf ür freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

 

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